#jetztmalehrlich, Europa ist doch voll kompliziert!

Irgendwie ist der Wurm drin. Seit mehr als 60 Jahren ist man nun zusammen, ist gemeinsam dick und alt geworden, aber die anfängliche Leidenschaft ist verblasst. Doch war es nicht Liebe auf den ersten Blick?

Jean-Claude Juncker erklärt in einem Interview, warum das europäische Projekt mehr ist als nur eine Vernunftsehe. Und dass wahre Liebe eben auch Anstrengung bedeutet. Wir haben mal zugehört…

Im Juli letzten Jahres hat “The European” mit dem damaligen luxemburgischen Regierungschef über die Zukunft des Europäischen Projektes geredet. Nachdem wir seit 2008 gefühlt jeden Monat in eine andere Krise geschlittert waren, kam so langsam Ruhe in den Laden – doch so richtig zufrieden war niemand.

Die letzten Krisenjahre haben viele Zweifel produziert und zu einer Entfremdung mit dem europäischen Projekt geführt. Plötzlich hat man sich gefragt “Was soll das alles?” und eher das Negative gesehen. Und Junker betont, dass wir tatsächlich in den Jahren, in denen wir noch Schmetterlinge im Bauch hatten, vielleicht zu schnell zusammen gezogen sind.

Wir wissen nicht viel über einander. Was etwa weiß ein Lette über einen Sizilianer und andersherum? Nichts. Dennoch erheben wir den Anspruch, überall die selben Normen anzuwenden, und nehmen dabei keinerlei Rücksicht auf örtliche Befindlichkeiten. Das führt zu einer wachsenden Entfremdung. Deshalb plädiere ich für ein intensives Zuwenden. Nur wer den Geruch des Anderen aufsaugt, kann ihn auch riechen.

Für Juncker steht das europäische Zusammensein für Liebe. Europa ist ein sehr fragiles Projekt, eben wie eine intensive Beziehung.

Was deutlich wird ist, dass wir in Zeiten der Unsicherheit Projektionsflächen für unsere Ängste suchen. Genauso wie es aber einfach ist, in einer gescheiterten Beziehung der oder dem Ex die ganze Schuld zu geben, obwohl doch wohl beide mit verantwortlich waren, ist es ein Leichtes über die Griechen oder die Deutschen zu schimpfen.

Doch sagen solche Beschwerden nicht immer auch viel über den oder die Sich-Beschwerende_n aus? Eine Freundin gab mir mal mit auf den Weg, dass man nie über die Verflossene lästern soll – denn schließlich war es ja die eigene Entscheidung sich auf diese Beziehung einzulassen.

Aber genug davon, zurück zu Europa und was Herr Juncker darüber denkt. Wie uns treibt ihn die Rückbesinnung auf das Nationale um.

Die Worte finden nicht mehr zu den Menschen. Es gibt einen eklatanten Mangel an Sozialeuropa. Es wirkt auf die Menschen so, als ob wir nur noch auf Haushaltssanierung setzen. Der Blick geht weg von Europa und hin zu den Nationalstaaten. Dort angekommen, finden sich aber auch keine Antworten.

Hier bemerkt er aber auch zutreffend, dass auch die Europapolitiker nicht ganz unschuldig daran sind. Nach Jahrzehnten der Nie-wieder-Krieg- & Offene-Grenzen-Erzählungen fehlt es an modernen Überzeugungslogiken für das Projekt Europa. Die richtigen Antworten zu finden ist schwierig. Die Luft ist raus.

Aber genau wie in einer langjährigen Beziehung gibt es nun drei Optionen. Man könnte weitermachen wie bisher, womit aber beide dennoch unzufrieden sind und man immer mit diesem mulmigen Gefühl ins Bett geht. Man könnte auch aufgeben und hinschmeißen, doch wird das mit dem Ausziehen geografisch ja ein wenig schwierig – und die nationalistische Exbeziehung ist auch schon sehr in die Jahre gekommen, wenn man ehrlich ist. Oder aber, man setzt sich mal gemeinsam hin und redet.

Denn wie auch in Beziehungen gilt für Europa: Kommunikation ist die Basis einer langen Liebe. Auch wenn Reden schwierig ist, und wahre Ehrlichkeit manchmal weh tut – am Ende lohnt es sich, denn die neue Art der Liebe ist tiefer und intensiver.

Also, lasst uns über Liebe reden; macht doch mal ein Date mit Europa und verliebt euch neu!