#jetztmalehrlich, haben wir Angst vor einer „echten“ Diskussion über Europa?

#jetztmalehrlich, haben wir Angst vor einer „echten“ Diskussion über Europa?

Zu Beginn der Woche stimmte die AfD über ihr Europawahlprogramm ab. Neben gescheiterten Machtergreifungsansprüchen von Bernd Lucke und der Kür von Euro-Opa Hans-Olaf Henkel zur Nummer Zwei im AfD-Spitzen-Team, wurde vor allem auf die Medienberichterstattung eingeschlagen.

In der Rede von Lucke hieß es, man fühle sich einer Medienhetze ausgesetzt und generell und sowieso vom Mainstream unterdrückt, weil man ja gegen Tabus verstößt und die unliebsame Wahrheit ausspricht. Und wie so oft wird der Überbringer der Nachricht geköpft, obwohl er sie nur ausspricht.

Was ist ein Tabu heutzutage? Gibt es Tabus innerhalb der Diskussion um Europa?

“Man sollte nichts sagen dürfen, was anderen Menschen das Recht auf eine Existenz in Würde abspricht“ – Patrik Schwarz

In seinem Artikel in der Zeit spricht Schwarz darüber, was ein Tabu auszeichnet in einer Gesellschaft der freien Meinungsäußerung. Zum einen gibt es rechtliche Tabus wie das Verbot der Holocaustleugnung, zum anderen moralische Tabus: Rassismus, Pädophilie, Dschungelcamp. Alle Tabus beinhalten die Herabsetzung einer Person aufgrund von Eigenschaften, die sie selbst nicht verantworten kann, sei es Hautfarbe, soziale Herkunft oder im Falle der Pädophilie eine Eigenschaft, die dritten Personen schadet.

Wenn nun aber kein Tabu besteht, man aber verzweifelt versucht, Aufmerksamkeit durch den Tabubruch zu provozieren, bleibt nur noch, ein Tabu aufzustellen. Wie zum Beispiel die Eurorettung als alternativlos zu bezeichnen.

Gerade der Rechtspopulismus lebt vom Tabubruch, egal ob tatsächlicher oder erfundener. Hetze gegen Roma und Sinti, Pauschalisierungen gegen Griechen, Spanier und Italiener, oder die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, es soll der Eindruck erweckt werden, man spricht Dinge aus, die in den Medien keinen Platz finden, aber trotzdem von vielen Menschen gedacht werden.

Erlebt man sich nicht häufig selbst dabei, dass man reflexhaft eine Meinung als überholt abtut und sich der Diskussion verweigert? Besteht der Vertrauensverlust in Europa nicht genau in der Wiederholung der angeblichen Alternativlosigkeit? Schaffen die etablierten Parteien durch ihre Haltung nicht eben jene künstlichen Tabus, die nun den Rechtspopulisten die gewünschte Aufmerksamkeit bringen?

Wir müssen bereit sein, uns auf die Diskussion über Europa neu einzulassen. Was sind Tabus, die wir selbst aufstellen, aber deren Begründung wir vergessen haben? #jetztmalehrlich, sind wir das zu uns selbst?

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