#jetztmalehrlich, Spitzenbeamte aus Problemländern sind doch ein Witz!

Vom Populismus kommt man ganz schnell zum Rassismus, manchmal geht der Weg aber auch umgekehrt. Wie perfide das manchmal sein kann, und wie aus lustig-gemeinten Vorurteilen schnell abwertende Ressentiments geschürt werden, zeigt ein Beispiel aus der Zeit.Die überregionale Wochenzeitung hat vor kurzem bewiesen, dass ein Konflikt innerhalb einer Behörde ein Kulturkampf sein kann. Der eigenwillige Chef – der Franzose Benoît Battistelli – bringt die Mitarbeiter seiner Behörde – in diesem Fall das Europäische Patentamt (EPA) in München – gegen sich auf. Für die Zeit ist die Quelle des Problems schnell gefunden: Battistelli ist aufgrund seines „typisch“ französischen persönlichen Werdegangs im Speziellen und seiner Herkunft aus Frankreich im Allgemeinen ungeeignet, eine Behörde zu leiten. Insbesondere, wenn diese Behörde in Deutschland liegt. Was hat uns die französische Geschichte überhaupt gebracht außer das Blut der Revolution und die Unterdrückung durch den Absolutismus?

Der Autor des Artikels findet eine Reihe an Fauxpas, die Battistelli sich leistet. Beispiel gefällig?

„Wenn er dann irgendwann mal in Ruhestand geht, wird der wohl nicht in München sein. Er spricht kein Deutsch, er liebt die französische Literatur, den französischen Autorenfilm, er ist Mitglied der Beaujolais-Bruderschaft. Und außerdem, sagt Battistelli: “Die Isar und die Seine, das ist doch nicht ganz dasselbe.”“

Der Mann will also ungefragt in sein Heimatland – dessen Kultur er liebt – zurückkehren, sobald sein Ruhestand beginnt. Und nicht nur, dass Battistelli kein Deutsch spricht. Er hat auch noch einen Akzent im Englischen!

„Und, wenn es um angelsächsische Ausdrücke geht, mit jenen tee aitch- Problemen und jenem geriebenen R, die für englisch sprechende Franzosen typisch sind.“

Als Teil der deutschen Bildungselite hat der Autor höchstwahrscheinlich seinen Faust gelesen. „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern.“ Doch nicht nur die Französinnen und Franzosen als Menschen, auch die französische Weinkultur scheint beim Autor wenig Popularität zu genießen:

„Auf dem Schreibtisch ein Globus, an der Wand ein Foto der Pariser Pont des Beaux-Arts und die Urkunde, die bestätigt, dass Battistelli dem Grand Conseil de l’Ordre des Compagnons du Beaujolais angehört. Welcher deutsche Behörden- oder Unternehmenschef würde die Zugehörigkeit zu einer Saufbruderschaft in seinem Büro dokumentiert wissen wollen? Aber hier sitzt ja auch ein Franzose.“

Wie jedes gute deutsche Schulkind weiß, trinkt – pardon (!) säuft – der gemeine Franzose Wein und gibt dennoch den fleißigen Beamten.

In diesem Stil setzt der Artikel die Tiraden gegen Battistelli fort. Auch in Frankreich ist angekommen, dass es ernsthafte Probleme zwischen dem Amtsleiter und seinen Angestellten gibt (beispielsweise bei Les Echos). Hier unterstellt niemand, dass dies an den Nationalitäten der Mitarbeiter liegt. Zudem scheint die Zeit bereitwillig vergessen zu haben, dass es sich nicht um ein deutsches, sondern ein europäisches Amt handelt.

#jetztmalehrlich liebe Zeit: Dürfen Franzosen kein europäisches Amt leiten? Ist die französische Kultur für Euch in irgendeiner Form minderwertig? Wie stellt ihr euch das vor? Dürfen ausschließlich deutsche Staatsangehörige europäische Spitzenpositionen einnehmen, weil wir irgendeine Art von überlegene Kultur haben? Jeder Artikel, der einem deutschen Spitzenbeamten Vorwürfe aufgrund seines Akzents, seiner Kultur, seiner Geschichte oder seiner Herkunft machen würde, wäre genauso als respektlos und diffamierend zu bezeichnen. In Europa und in der Welt gilt ein Prinzip, das die Aufklärung – die die Franzosen maßgeblich prägten – und die Französische Revolution erstritten: Gleiche Rechte für alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft.