Die Sage von den Wölfen in Schafspelzen – Über die Inszenierung der AfD

Warum hacken eigentlich alle auf die AfD ein, auch wir? Eine berechtigte Frage. Wir haben unsere Gründe, und die liegen vor allem in der geringen Schwelle von dem, was sie sagen, zu dem, was es auslöst.Spätestens seit der letzten Bundestagswahl ist die AfD in Deutschland fast jedem ein Begriff. Kann der damalige Fast-Einzug in den deutschen Bundestag noch als Überraschungserfolg gezählt werden, ist davon auszugehen, dass die seitdem entwickelten, semi-professionellen Strukturen eine Basis für eine weitere Etablierung der euro-kritischen Partei im deutschen (und europäischen) Parteienspektrum sorgen werden. Der Wegfall der Sperrklausel auf europäischer Ebene – und vermutlich langfristig auch auf nationaler Ebene – tut sein übriges.

Dass diese Erfolge nicht überall auf Gegenliebe stoßen, war vorprogrammiert. Schließlich inszeniert man sich bewusst und gewollt als Anti-Partei. Es wird gegen die Zustände gewettert; die Anderen machen alles falsch, und nur mit uns kommt der Wandel. Wir haben das bereits schon in vielen Artikeln dargestellt, so u.a. über den Parteitag in Erfurt Ende März.

Diese Inszenierung, das Abgrenzen des eigenen, richtigen Verhaltens, zu dem Falschen der Anderen – die Stilisierung der eigenen Wahrheit zur einzig richtigen, und die Vertreter dessen zu denen, die wissen worum es geht – das ist Populismus. Nicht nur, dass damit Sachverhalte und Probleme schwarz-weiß angemalt werden, um sich Argumentation zu erleichtern. Nein, es entsteht auch eine neue Art von Konformismus, eine Gleichmacherei. Sie fängt bei der AfD in der Europapolitik an, wie wir in unserem Faktencheck gezeigt haben, und hört auch bei der Gesellschaft – dem viel beschworenen Volk – nicht mehr auf, wie die Feminismus-Debatte um eine Aktion der Jungen Alternativen gezeigt hat. Es ist schon ironisch, wenn sich die AfD als größte Kritiker einer angeblichen, europäischen Gleichmacherei inszenieren – eigentlich sind sie es, die alles gleich haben wollen. Kontrolliert, und irgendwie auch spießig.

Von diesem „Entweder macht es wie wir, oder ihr macht es falsch“ ist man sehr schnell bei einem „Entweder seid ihr mit uns oder gegen uns“. Auch wenn man sich zwanghaft als bürgerliche Partei präsentiert, muss einem bewusst sein, dass man damit Rassimus und Fremdenfeindlichkeit Tür und Tor öffnet. Zu dieser Schlussfolgerung kam erst neulich die Fachhochschule Düsseldorf, die sich Reden und Programme innerhalb des letzten Jahres angesehen hat.

Die Untersuchung widmet sich auch den Milieus der AfD-Wähler und den Reaktionen von Parteien vom rechten Rand. Aus der Analyse geht hervor, dass für die Parteien der extremen Rechten mit der AfD eine Konkurrenz entstanden ist. Andererseits sähen rechte Parteien die AfD auch als Vermittlungsinstanz, die für die eigenen rechten Positionen die Rolle eines Wegbereiters spielen könne.

Auch wenn die Forderungen der Partei eher als nationalistisch bezeichnet werden können, so wäre der Glaube, dass man damit nicht Steigbügelhalter für Rassisten ist, reichlich naiv. Es geht nicht nur darum, was man sagt, sondern auch wie man es sagt. Wer Mut zu Deutschland fordert, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Echo vor allem von braunen Eierköpfen kommt. Die jüngste Zurschaustellung von Migranten und Schwulen wirkt dabei wie ein hilfloser Versuch, der braunen Überfremdung in der eigenen Partei Einhalt zu gebieten.

Aber genau hier liegt auch wieder das Problem mit der AfD bzw. ihrem Führungspersonal. Zwar versteht man sich als demokratische Partei, doch sind Positionen und Auftreten sehr auf bestimmte Führungspersönlichkeiten wie Lucke und Henckel zugeschnitten. Man kann natürlich argumentieren, dass man nach einem Jahr eben auch noch eine kleine Partei ist – aber vergleichbare Strukturen findet man sonst eher auch nur bei anderen populistischen Parteien wie z.B. der fremdenfeindlichen Ein-Mann-Partei von Geert Wilders. Denn eigentlich ist die AfD mit 17.800 Mitglieder nicht arm an demokratischer Basisressourcen – doch die vorgebrachten Beschlüsse von Erfurt gingen eher in Richtung weniger statt mehr Demokratie. Die problematische Themenmischung unter den Mitgliedern hatten wir bereits angesprochen.

Und genau dieses Führungspersonal, welches derzeit in ganz Deutschland von Werbebannern grient, zeigt sich höchst sensibel und aufgekratzt. Den legendären Auftritt Luckes bei Michael Friedmann mal beiseite gelassen, inszeniert man sich auch vor den eigenen Wählern immer wieder als Opferlamm. Die Leipziger Internet Zeitung LIZ war bei einem Auftritt dabei und hat wirklich eine ausführliche und gute Beschreibung geliefert.

Doch die auch an diesem Abend in Leipzig vorgeschlagene Währungs-Medizin der AfD ist die falsche. Spätestens wenn Bernd Lucke versucht seinen rund 100 bis 150 eigenen Anhängern zu erläutern, dass die rund 300 Gegner seiner Thesen eben Krakeler und „Schreihälse“ seien, wird die Frontstellung zwischen seinen Haltungen und denen der Linken deutlich.

Es ist eine Fortsetzung der Opferrolle, die sich so auch bei anderen Gelegenheiten findet. So bezeichnet Henkel linke Gegendemonstranten als „fehlgeleitete junge Leute“ – eine Formulierung die an Populismus, Predigertum und Dreistigkeit nicht zu überbieten ist.

Man kann solchen Populismus als schwierig, ja ekelhaft ansehen – aber die Spielart der AfD muss man grundsätzlich als falsch ansehen. Schaut man sich die genauen Positionen an, so scheut Lucke nicht davor zurück, seine Anhänger_innen hinters Licht zu führen, wie die LIZ zeigt.

Was ihn zum Populisten werden lässt, ist diese scheinbar einfache Lösung für eine ganze Reihe komplexer Fragen. Doch diese lässt sich auf deutschen Plätzen bestens verkaufen, suggeriert es doch, in Deutschland wäre alles bestens. Das sieht man mittlerweile nicht einmal mehr in den Ländern so, welche Lucke und die AfD gern in der neuen Nord-Währung hätte.

Denn der deutsche Sonderweg, den Lucke immer wieder predigt, hat eine reale Einkommenseinbuße in Deutschland produziert. Die Reallöhne sind im Vergleich zu unseren Nachbarländern nicht gestiegen, die Produktivität aber doch. Wir produzieren, insbesondere exportieren, immer mehr, weil es in Deutschland ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis gibt – d.h. aber eben nicht, dass wir besser sind.

Verkürzt gesagt: die Deutschen arbeiten für die Nachbarn mit, werden dafür zu schlecht bezahlt und dürfen die Stabilisierung strauchelnder deutscher Banken ebenso ausgleichen, wie die Kosten einer verfehlten gemeinsamen Preis- und Sozialpolitik der europäischen Nationen bei Agrargütern und Waren des täglichen Bedarfes. Letzteres werden AfD-Anhänger aber wohl erst begreifen, wenn sie versuchen, ihren deutschen Pkw zu essen.

Doch dazu schweigt Herr Lucke, denn Mut zu Deutschland ist einfacher als Mut zur Wahrheit – die lässt sich nicht immer gut verkaufen.