#jetztmalehrlich, warum gehen wir wählen?

Morgen ist Wahl! Na und? Alle sagen euch, dass ihr wählen gehen sollt. Dabei ist das ja immer noch eine freie Entscheidung. Wir können euch nicht zwingen, aber wir können euch vielleicht überzeugen. #jetztmalehrlich, warum gehen wir wählen?

Laila Abdul-RahmanLaila

In den letzten Wochen haben wir viel über Europa gehört, debattiert, geschimpft, uns gewundert aber auch gefreut. Vor allem, über ein größeres Interesse als noch vor fünf Jahren. Auch wenn dies oftmals eher Unmut als Begeisterung geschuldet ist, so hoffe ich doch, dass diese Entwicklung nicht einfach wieder verpufft.

Wir brauchen mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung in Europa, aber wie sollen wir das bekommen, wenn wir nicht mal diesen kleinen Weg zur Wahlurne schaffen? Es ist ein kleiner Schritt, mit dem es noch lange nicht getan sein wird, aber ein wichtiges Zeichen, dass wir beim Gedanken an die EU nicht mehr nur müde den Kopf schütteln. Ich will kein gespaltenes Europa, sondern eine breite Beteiligung und Integration, welche in dieser Wahl Ausdruck finden muss. Und wen das immer noch nicht überzeugt, dem sollte doch wenigstens ein klares Zeichen gegen die erstarkten Rechtsbündnisse sein Kreuzchen wert sein!

Sebastian EnningSebastian

Diesen Sonntag werde ich zur Wahl gehen und mein Kreuzchen machen. Und zwar aus Überzeugung. Nicht, weil ich alles, was und wie auf der europäischen Ebene verabschiedet wird kritiklos unterstütze. Sondern, weil ich grundsätzlich die Europäische Union befürworte und eine Rückkehr. Ehrlich gesagt, habe ich auch nicht einmal daran gedacht, nicht zur Wahl zugehen. Ich will dem Europäischen Rat zeigen, dass es die Menschen Europas sind, die die Politik in der EU bestimmen, nicht die Exekutiven der Mitgliedsländer. 

Viele sagen immer, die EU ist das größte Friedensprojekt, was die Völker Europas zusammengebracht hat. Ich bin in einem Europa ohne Krieg aufgewachsen. Ich weiß zwar nicht, wie sich Krieg anfühlt, aber ich weiß, dass Frieden nicht selbstverständlich ist; trotzdem ist die EU für mich mehr als nur ein Mittel zur Bewahrung des Friedens. Sie betrifft uns in fast allen Lebensbereichen. Deswegen hat meine Stimme Gewicht.

Bin ich für oder gegen eine andere Diskussion um TTIP? Bin ich für oder gegen eine europäische Alternative zum amerikanischen Datenschutzverständnis? Bin ich für oder gegen Haushaltskonsolidierung in dem Ausmaße, die die Beharrung auf Austerität in den südlichen Ländern Europas hinterlassen hat? Bin ich für oder gegen eine Gleichgültigkeit europäischer Staats- und Regierungschefs gegenüber Flüchtlingen, die lange Reisen auf sich nehmen, um in Europa ein besseres Leben beginnen zu können, aber noch nicht mal europäisches Festland erreichen und in Auffanglagern auf ihre Rückreise warten? Bin ich für oder gegen europäische Freizügigkeit? Bin ich für oder gegen gemeinsame Verständigungen auf Mindestlöhne? Bin ich für mehr oder weniger Erasmus? Bin ich für mehr oder weniger Agrarsubventionen für meine lokalen Bauern? Alle diesen Fragen sind für mich wichtig und meine Stimme am Sonntag kann sie für mich beantworten.

Für uns hier im Norden Europas geht es vielleicht um nicht mehr als der Großen Koalition einen Denkzettel zu verpassen. Für Menschen im Süden Europas bedeutet diese Wahl aber viel mehr. Allein schon aus Solidarität ihnen gegenüber, muss ich wählen gehen. Mir ist das Europa, in dem wir leben, nicht egal. Zeigen wir denen da oben, was wir wollen!

Wiebke SickelWiebke

Für mich müsste die Frage eher lauten, warum sollte man denn nicht wählen gehen? Ernsthaft, für mich steht das außer Frage, ich gehe wählen! Das gehört doch irgendwie dazu. Und man muss ja heutzutage nicht mal mehr wählen “gehen”. wenn man den Sonntag lieber komplett auf dem Sofa verbringen will, macht man halt Briefwahl. Ich versteh wirklich nicht, wo das Problem liegt. Für mich ist der Wahlsonntag eigentlich eher ein Grund, mal etwas früher aufzustehen und direkt nach dem Kreuzchen setzen noch frische Brötchen vom Bäcker zu holen.

Wählen gehen ist für mich einfach auch eine Art meine Meinung kund zu tun, und jetztmahlehrlich – wenn man es euch direkt verbieten würde, in irgendeiner anderen Sache eure Meinung vertreten zu dürfen, dann würdet ihr doch auf die Barrikaden gehen! Warum also bei der Wahl freiwillig drauf verzichten? Und außerdem denke ich, wer nicht wählt, darf hinterher auch nicht meckern. Ich jedenfalls freue mich schon sehr darauf, wenn meine Partei nicht gewinnt und der Rest Mist baut, sagen zu können: “Also, ich hab ja XY gewählt!” ;)

Und deshalb gehe ich morgen früh wählen, so einfach ist das!

Martin HoffmannMartin H.

Für mich ist die Entscheidung, ob ich wählen gehe oder nicht, durchaus nicht einfach. Auch wenn ich mich als politischen Aktivist und Demokrat bezeichnen würde, gibt es genügend Gründe bei denen ich nachvollziehen kann, warum man nicht wählen geht. Zu viele Entscheidungen auf politischer Ebene frustrieren auch mich.

Aber gerade deshalb glaube ich immer noch daran, dass Wahlen wichtig sind; das eben genau meine Stimme einen Unterschied machen kann. Nicht im direkten Sinne, also dass ich erwarte, dass ab nun alle genau so entschieden wird, wie ich es will. So funktioniert Demokratie nicht.

Wenn ich wähle, gebe ich gefühlt nicht einer Partei meine Stimme sondern Ideen. Denn sein wir mal ehrlich, selten können “Wahlgewinner” ihr Programm eins zu eins umsetzen. Auch so funktioniert Demokratie nicht. Sondern es geht um Ideen; um Leitlinien. Und diesen kann ich mit meiner Stimme mehr Gewicht verleihen.

Manchmal ärgere ich mich, wenn in Bereichen Entscheidungen getroffen werden, die ich für falsch halte. Aber auf der anderen Seite gibt es in der Politik so viele Bereiche, von denen ich keine Ahnung habe – und auch gar nicht die Ressourcen um mich damit zu beschäftigen. Deswegen will ich das gute Gefühl haben, dass ich meine Stimme jemandem gebe, der sich damit hauptberuflich beschäftigen kann.

Marleen WinterMarleen

Warum ich schon gewählt habe? Weil Demokratie nur so funktioniert. Die Bürger der einzelnen Mitgliedstaaten wählen ihre Vertreter ins Europäische Parlament. Diese Vertreter bestimmten dann anschließend die Richtung der EU. Nur durch meine Stimme kann ich die Identität und die Zukunft Europas ein wenig mitbestimmen. 

Nichtwählen ist meiner Meinung nach keine Lösung. Denn so überlässt man Anderen sein Recht auf Mitbestimmung. Wenn zum Beispiel nur die Anhänger populistischer Parteien wählen würden, würde das das Ende der ursprünglichen Ideale der EU bedeuten- und dafür ist mir das Projekt EU zu wichtig. 

Daher habe ich, trotzdem ich derzeit im Ausland bin, Briefwahl beantragt und meine Stimme abgegeben. Auch wenn es etwas verträumt und idealistisch ist, erhoffe ich mir durch meine Wahlbeteiligung ein gerechteres, vereintes Europa, in dem die Rechte der Bürger im Mittelpunkt stehen.

Arne

Diese Europawahl ist für mich aus zwei Gründen etwas besonderes: Erstmals darf ich von meinem Recht als Unionsbürger Gebrauch machen, im Ausland meine Stimme abzugeben. Gleichzeitig sehe ich erstmals diese und weitere Errungenschaften der europäischen Einigung bedroht. Europa war mit seinen Annehmlichkeiten und Vorzügen für mich immer eine Selbstverständlichkeit. Diese Selbstverständlichkeit sehe ich als bedroht an. Inzwischen wird viel darüber diskutiert, wie das bisher Erreichte abgebaut werden kann, anstatt es zu reformieren und zu verbessern; gerne auch in großen Schritten. Diese Europawahl ist für mich daher der Grund „Ja!“ zu einem progressiven Europa zu sagen, in dem Solidarität zum Wohle aller keine Worthülse bleibt.

Martin MaderMartin M.

Seine Stimme abzugeben in einer Wahl ist meiner Ansicht nach Pflicht und Privileg. Pflicht, zumindest moralisch, da es Anteilnahme am Gemeinwohl ausdrückt, sich mit den möglichen Alternativen für das Zusammenleben innerhalb der EU zu beschäftigen, und, durch die Abgabe der Stimme Verantwortung zu übernehmen. Privileg, da es selbst im 21. Jh. nicht selbstverständlich ist, innerhalb von demokratischen Spielregeln als Bürger beteiligt zu werden.

Häufig wählt man nur das geringere Übel, den Kompromiss, den Plan B. Doch gerade das ist der Kern der Demokratie. Ein einzelner Standpunkt eines Individuums oder einer Minderheit ist extrem, er stellt sein Wohlergehen über das der Mehrheit. Innerhalb einer Demokratie, innerhalb von Parteien und Interessensgruppen werden die Interessen vieler zusammengefasst, Standpunkte werden auf einen Konsens zusammengefasst, der von einer gesellschaftlichen Mehrheit getragen werden kann. Dabei geht viel unter, jedoch solange Minderheiten geschützt werden, kann so ein für alle tragbares Ergebnis entstehen.

Gerade in dieser Europawahl stehen klare Alternativen zur Wahl, mögen sie pro-europäisch oder anti-europäisch sein. Wichtig ist, als Bürger, der von der Wahlentscheidung dritter betroffen ist, selbst seine Stimme abzugeben und so einen Beitrag bei der Erreichung seines subjektiv am besten Empfunden Gemeinwohls zu leisten.